Heute möchte ich mit dir über ein Thema sprechen, das vielen Müttern – mich eingeschlossen – zu schaffen macht: die Entthronung des großen Geschwisterkindes, wenn ein kleines Geschwisterchen in die Familie kommt. Diese Erfahrung kann nicht nur herausfordernd sein, sondern auch emotional tiefgreifend berühren.
Die Entthronung verstehen
Aus eigener Erfahrung und aus Gesprächen mit anderen Eltern weiß ich, dass die Geburt eines zweiten Kindes beim erstgeborenen Kind starke, manchmal sogar aggressive Reaktionen hervorrufen kann. Dieses Verhalten entspringt oft tiefer Verunsicherung und dem Gefühl, nicht mehr im Mittelpunkt der elterlichen Aufmerksamkeit zu stehen. Dein Kind empfindet es vielleicht so, als sei es abgelöst worden – ein Gefühl, das auf der Ebene des Nervensystems als existenzielle Bedrohung wahrgenommen werden kann.
Für manche Kinder kann diese Entthronung sogar traumatisch sein. Dabei reagiert jedes Kind unterschiedlich: Während einige sich schnell in die neue Familiensituation einfügen, kämpfen andere mit intensiven Emotionen und Unsicherheiten – manchmal bis ins Erwachsenenalter.
Strategien zur Unterstützung des großen Geschwisterkindes
Mitgefühl und Empathie
Der erste und wichtigste Schritt ist Mitgefühl. Versuche, die Situation aus der Perspektive deines großen Kindes zu betrachten. Ein anschaulicher Vergleich: Stell dir vor, dein Partner bringt eine neue Frau mit nach Hause und erwartet, dass du dich mit ihr verstehst, während er seine Aufmerksamkeit zwischen euch beiden aufteilt. Wie würde sich das anfühlen? Wahrscheinlich wärst du verletzt und wütend. Genau diese Gefühle durchlebt dein Kind. Diese neue Situation braucht Zeit, Verständnis und liebevolle Begleitung.
Offene Kommunikation
Sprich offen mit deinem Kind über seine Gefühle. Frage, wie es ihm mit der neuen Familienkonstellation geht. Sollte es in seiner Verzweiflung äußern, dass es dem neuen Geschwisterchen wehtun möchte, reagiere nicht entsetzt. Vielmehr signalisiert eine solche Aussage tiefe Not. Dein Kind braucht in diesem Moment keine Zurechtweisung, sondern das Gefühl, gesehen und verstanden zu werden. Wenn es sich ernst genommen fühlt, kann sich ein emotionaler Knoten lösen.
Regressionsspiele und exklusive Aufmerksamkeit
Ich hatte eine Klientin, deren ältere Tochter immer wieder „Baby“ spielen wollte. Als die Mutter sich darauf einließ und ihre Tochter eine Zeit lang wie ein Baby behandelte, veränderte sich alles: Der Wunsch wurde erfüllt, und plötzlich war die Tochter bereit, in ihre Rolle als große Schwester hineinzuwachsen. Regressionsspiele, bei denen das Kind noch einmal die Babyrolle einnehmen darf, können helfen, den Übergang zu verarbeiten.
Auch Bindungsspiele, die den Zusammenhalt unter den Geschwistern fördern, sind wertvoll. Ich habe mit meinen Kindern oft „Fang mich“ gespielt, wobei sie gemeinsam als Team agieren mussten, um mich zu erwischen.
Zudem ist es essenziell, dem großen Kind exklusive Zeiten zu widmen. Plane bewusst Momente ein, die nur euch beiden gehören, um eure Bindung zu stärken.
Die Rolle der Co-Regulation
Ein weiterer zentraler Aspekt ist die Co-Regulation: die Fähigkeit, deinem Kind in emotional aufgewühlten Momenten Sicherheit und Stabilität zu vermitteln. Das gelingt jedoch nur, wenn du selbst ausgeglichen bist. Achte daher auf deine eigenen Ressourcen – sei es durch kleine Auszeiten, Selbstfürsorge oder die Unterstützung durch andere.
Warum das alles so wichtig ist
Das Ziel all dieser Strategien ist es, dein großes Kind behutsam in seine neue Rolle innerhalb der Familie zu begleiten, ohne dass es sich ausgeschlossen fühlt. Die Geburt eines Geschwisterchens bedeutet eine Neuverteilung der elterlichen Aufmerksamkeit, was für ein Kind enorm herausfordernd sein kann. Mit Empathie und Achtsamkeit können wir diese Übergangsphase jedoch erleichtern.
Ich hoffe, dass dir diese Einblicke und Tipps helfen, die Herausforderungen der Entthronung besser zu verstehen. Du bist mit diesen Gefühlen nicht allein. Indem wir offen darüber sprechen, können wir gemeinsam gute Lösungen finden.
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