Kennst du das? Du sagst Ja, obwohl du eigentlich Nein meinst. Du passt dich an, machst es allen recht, und am Ende des Tages bist du erschöpft und fragst dich, wo du eigentlich geblieben bist. Du scheust Konflikte, suchst die Anerkennung im Außen und hast das Gefühl, nie genug zu sein.
Wenn du dich hier wiedererkennst, dann könnte dieser Artikel genau für dich sein. Denn heute schauen wir uns die Fawn Response an, eine Traumareaktion, die besonders Frauen betrifft. Vor allem Mütter. Ich erkenne das in so vielen Einzelcoachings. Ich würde mal sagen, bestimmt 90 Prozent der Mütter, mit denen ich arbeite, kennen diese Fawn Response.
Was ist die Fawn Response? Die vierte Traumareaktion
Du kennst vielleicht einige Traumareaktionen bereits, die unser Nervensystem auswählt, um wieder in die Sicherheit zu kommen. Das erste ist Fight or Flight, also Kampf oder Flucht. Wenn das nicht geht, dann erstarren wir, der Freeze-Modus.
Der Fawn-Modus ist ein Freeze-Modus in einem anderen Kostüm. Denn im Prinzip ist es auch eine Erstarrung. Es geht auf keinen Fall Kampf oder Flucht, sondern es ist eine sehr ruhige Reaktion.
Aber eine Reaktion, die bedeutet, dass ich dann überlebe, wenn ich mich anpasse, wenn ich es dem Umfeld recht mache, wenn ich das Umfeld lese, also Gefühle lese, Bedürfnisse der anderen lese und mich dann so unterwerfe, anpasse, dass ich die Bewunderung vom Außen bekomme und geliebt und gesehen werde und überhaupt da sein darf.
Das ist diese Fawn Response. Deswegen wird sie auch als vierte Traumareaktion bezeichnet.
Warum vor allem Frauen betroffen sind
Vor allem Frauen, also gerade weiblich sozialisierte Menschen leiden darunter. „Sei ein liebes, braves Mädchen“, ich glaube, das steckt uns noch in den Ohren, in den Genen.
Und ich nehme ganz stark an, dass das auch ein transgenerationales Trauma ist. Nicht nur ein Bindungstrauma aus unserer frühen Kindheit, sondern vermutlich auch von unseren Müttern, Großmüttern, Urgroßmüttern übernommen.
Sei ein liebes, braves Mädchen. Mädchen dürfen nicht laut sein, nicht wütend sein, nicht ihre Meinung sagen. Das heißt, sie müssen sich immer anpassen. Lieb, leise, brav.
Das Dilemma mit der bedürfnisorientierten Erziehung
Und wenn wir jetzt von Müttern sprechen und einer bedürfnisorientierten Erziehung, die ja überall proklamiert wird, dann möchte ich da mal mit der Brille dieser Fawn Response reinschauen.
Weil wenn wir als Kinder nicht gelernt haben, unsere eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen, fällt es uns wahnsinnig schwer, unsere eigenen Bedürfnisse als Mutter wahrzunehmen. Logisch, oder?
Das heißt, was werden wir automatisch tun? Wir schieben die Bedürfnisse des Kindes immer in den Vordergrund, weil wir wollen ja Beziehung, wir wollen Liebe, wir wollen geliebt und akzeptiert werden, auch von unseren Kindern.
Aber wir schauen eben mit dieser Brille der Fawn Response drauf, und das kann uns zum Verhängnis werden.
Wenn dein Kind nicht dankbar ist
Wie oft höre ich das in den Einzelcoachings: „Mein Kind ist nicht dankbar, ich mache alles für mein Kind und lese ihm jeden Wunsch von der Nasenspitze ab. Ich habe wieder eine ganze Stunde mit meinem Kind gespielt, es ist nie zufrieden, es ist nie genug, es könnte doch jetzt auch mal dankbar sein.“
Und da merkst du, das ist dein inneres Kind, was da aus dir spricht.
Stell dir dieses kleine Kind vor, vielleicht drei Jahre alt, das in einem Elternhaus lebt, wo es das Gefühl hat: Okay, wütend darf ich nicht sein. Ich passe mich lieber an und bring Papa noch die Hausschuhe, damit er sich gut fühlt.
Dieses Kind lernt, ich muss es anderen recht machen, damit ich überhaupt geliebt werde. Und dieses kleine Kind wächst in mir weiter.
Die Glaubenssätze der Fawn Response
Beim Fawn Response geht es um viele, viele Glaubenssätze. Schau mal, ob diese zu dir passen:
„Ich darf niemanden enttäuschen.“
„Ich bin nur sicher, wenn andere mich mögen.“
„Meine Bedürfnisse sind nicht wichtig.“
„Wenn ich mich abgrenze, dann werde ich abgelehnt.“
„Ich bin verantwortlich für die Gefühle anderer.“
Das heißt, diese Glaubenssätze machen dich klein. Es geht darum, wenn ich mich klein mache, dann bin ich sicher. Das ist eine Überlebensstrategie.
Wie zeigt sich die Fawn Response im Alltag?
Es kann sein, dass du sehr große Schwierigkeiten hast, Grenzen zu setzen, dass du ganz oft Ja sagst anstatt Nein. Dich danach ärgerst, wenn zum fünften Mal der Kuchen im Kindergarten gefordert wird, und du machst es natürlich wieder.
Dass du dich permanent entschuldigst, obwohl du gar nichts falsch getan hast.
Dass du mehr an die Bedürfnisse der anderen denkst als an deine eigenen, dass du die Wünsche der anderen an ihrer Nasenspitze ablesen kannst.
Dass du einfach merkst, dass du dich ständig anpasst, dass du dich ständig anderen recht machst, gefällst und diese Bewunderung im Außen suchst.
Die Suche nach Bewunderung im Außen
Denn diese Suche nach Bewunderung oder Wertschätzung im Außen bedeutet, dass dadurch dein Selbst gestärkt wird, weil das Selbstwertgefühl in der Kindheit nicht ausgeprägt wurde.
Und wenn das Außen sagt, „Das hast du aber toll gemacht“, kannst du durchatmen und weißt, es ist alles richtig.
Natürlich tut uns allen Wertschätzung gut. Aber es ist eben dieses, ist dein Selbstwertgefühl so angeknackst, dass du das brauchst, um dich gut zu fühlen? Oder kommst du irgendwann dahin zu sagen: Nein, ich bin gut, so wie ich bin.
Erste Schritte, die du gehen kannst
1. Liebevolle Beobachtung
Beobachte dich liebevoll und achte auf die Situationen in deinem Alltag, in denen du automatisch zustimmst, dich anpasst oder lächelst, obwohl dir nicht danach ist.
Es kann auch sein, dass du nach außen hin fröhlich und lebendig bist, und wenn du dann am Wochenende nach Hause kommst, sackst du in dich zusammen, bist erschöpft, sehr traurig, weil der Akku leer ist.
2. Körperliche Signale wahrnehmen
Spür in deinen Körper hinein. Was ist in deinem Körper los, wenn du in dieser Fawn Response bist? Merkst du, wie alles eng wird, wie du dich klein machst?
Vielleicht möchtest du mal den Brustkorb öffnen, dich strecken, weiten. Über die Haltung können wir ganz, ganz viel in unserem Nervensystem ändern.
3. Zeit zum Überlegen nehmen
Beim nächsten Mal, wenn dich jemand etwas bittet, sag: „Okay, gib mir mal bis morgen Zeit, ich überlege mir das.“
Dann hast du Zeit, in dich zu gehen und zu überlegen: Ist das aus der Fawn Response heraus, oder ist das ganz ehrlich, weil ich dieser Person helfen möchte?
Es geht darum, aus welcher Haltung du das machst. Aus der kindlichen Haltung „Ich möchte geliebt werden“ oder aus der Haltung: „Klar, ich habe Zeit und Ressourcen, also helfe ich gerne.“
4. Selbstmitgefühl üben
Schenke dir selbst diese Bewunderung, diese Wertschätzung. Klopf dir auf die Schulter, sag dir, was du schon alles geschafft hast.
Und überlege: Wie würdest du mit einem Kind sprechen, wenn es in dieser Situation wäre?
Nicht für dich allein, sondern auch für deine Kinder
Wir wollen es ja auch nicht an unsere Kinder weitergeben. Wenn nicht für dich, dann für deine Kinder. Am besten für uns beide.
Möchtest du tiefer eintauchen?
Wenn du merkst, dass People Pleasing ein großes Thema für dich ist, dann schau dir gerne meinen People-Pleaser-Workshop an. Dort lernst du, die Fawn Response als Überlebensstrategie zu verstehen und nervensystembasiert zu verändern. Du bekommst praktische Übungen, sodass du Grenzen setzen kannst ohne Schuld und in Beziehung bleiben kannst, ohne dich selbst zu verlieren.
Ich wünsche dir ganz viel Selbstmitgefühl auf diesem Weg.













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