Traurig aber wahr: In den meisten Fällen sehen wir unser Kind nicht als das Kind, das es ist, sondern wir sehen unser eigenes inneres Kind in ihm. Und wir haben dadurch die Chance, die eigene Kindheit ein zweites Mal zu erleben und das ist Fluch und Segen zugleich.
Darum geht es heute. Es geht um Projektionen und Kompensation. Und was das mit unserem Kind und unserem inneren Kind zu tun hat.
Elternschaft ist Wachstum pur
Wenn wir Eltern werden, beginnt ein Prozess, der uns am Anfang vermutlich gar nicht so bewusst ist, aber er ist sehr kraftvoll. Elternschaft ist nicht nur Erziehung, sondern Wachstum pur, denn wir werden aufgefordert, erwachsen zu werden.
Und das ist spannend: Es geht um dieses wirkliche Erwachsensein. Nicht vom Alter her, sondern innerlich wirklich Erwachsensein, das ist gar nicht so leicht.
Denn wenn ein Kind in unserer Familie geboren wird, haben wir die große Chance, unsere eigene Kindheit noch einmal durchzuerleben. Vielleicht hast du selber schon festgestellt, dass dein Kind dich in bestimmten Altersstufen extrem triggert.
Wenn du da genau hinschaust, wirst du merken, dass bei dir in dieser Altersstufe auch etwas nicht im Reinen war. Ein Klient sagte: Henriette, es begann, als mein Sohn 6 Jahre alt wurde. Da ging bei mir der Alarm los, obwohl vorher alles okay war.
Andere sagen: Als mein Kind 3 wurde, da fing das an. Oder die Pubertät bringt mich aus dem Konzept. Das ist genau der Punkt, wo du merkst: Das hat was mit mir zu tun.
Der Individuationsprozess nach C.G. Jung
Carl Gustav Jung beschreibt den Individuationsprozess: Wir wollen ganz werden. Bewusste und unbewusste Anteile integrieren, sowie auch die Schattenseiten. Das sind verdrängte Verletzungen, das verletzte innere Kind.
Mein Beispiel: Kaiserschnitt und Stillen
Ich war ein Kaiserschnittkind, wurde zwei Wochen früher rausgeholt und konnte danach nicht gestillt werden. Das hat mich immer beschäftigt.
Als ich Mutter wurde, beschloss ich: Ich mache es anders. Mein Kind soll auf natürlichem Wege geboren werden und gestillt werden.
Ich hatte zwei wunderschöne Hausgeburten und konnte stillen, aber es war nicht easy peasy. Aber es kam für mich nie in Frage aufzuhören. Meinen Jüngsten habe ich fast vier Jahre gestillt.
Für mich war das sehr wichtig. Und heute weiß ich, dass das eine Kompensation war. Dass ich selber diesen Schmerz gespürt habe: Mir hat das gefehlt und ich möchte das meinem Kind jetzt geben. Das ist ein Kompensationsmechanismus.
Was ist Kompensation?
Das gleiche kennst du vielleicht: Thema Familienbett oder Trennung im Kindergarten. Das sind Situationen, wo Eltern aus ihrer eigenen Verletzung heraus kompensieren.
Das heißt, sie tun entweder Dinge, die sie früher nicht hatten, die sie bei ihrem Kind im Exzess geben wollen. Oder sie vermeiden Dinge, die sie hatten. Oder sie machen es genauso wie ihre Eltern.
Aber in vielen Fällen: Mein Kind bekommt das, was ich nicht hatte. Jung beschreibt das als Individuation. Wir wollen ganz werden und bewusste und unbewusste Anteile integrieren. Ziel ist nicht Perfektion, sondern Ganzheit.
Der Schatten: Was wir nicht sehen wollen
Mit Schatten meint Jung alles, was wir selbst in uns nicht sehen wollen oder können. Ungeliebte Gefühle, alte Wunden, das was wehtut, also das kindliche Schmerzmaterial.
Die Projektion ist, dass wir das, was wir nicht aushalten können, auslagern und dann im Außen sehen. Ganz besonders in unseren Kindern, die oft der Spiegel für uns sind.
Deswegen sagen wir: Mein Kind ist mein Spiegel. Das, was ich nicht fühlen möchte, spiegelt mir mein Kind. Mein Kind zeigt mir meine unbewussten unterdrückten Anteile.
Und wenn wir das Kind im Spiegel sehen, wollen wir kompensieren. Ich möchte mein Kind nicht so behandeln, wie ich behandelt wurde. Oder: Ich vermeide alle Konflikte, weil das war so schlimm damals.
Wie die Individuation geschieht
Jung betonte, dass Individuation durch Konfrontation mit dem Unbewussten geschieht. Jedes Mal, wenn mein Kind mich triggert und ich merke, oh da reagiere ich über, da öffnet sich die Möglichkeit hinzuschauen. Die Möglichkeit zur Bewusstwerdung.
Ich kann hinschauen: Was in mir meldet sich da gerade? Wer schreit? Wer weint? Wer rebelliert? Welcher kindliche Anteil, der abgespalten wurde, meldet sich?
Eine kleine Übung für dich
Beobachte deine Gedanken deinem Kind gegenüber. Mein Kind ist so wild, so laut. Oder: Mein Kind ist so schüchtern, traut sich gar nichts.
Und dann nimm diese Bewertung und schau, was das mit dir zu tun hat:
– Warst du das laute Kind, das ausgeschimpft wurde?
– Warst du der Klassenclown, um Aufmerksamkeit zu bekommen?
– Oder warst du die leise Stille, die gerne laut gewesen wäre, aber wusste: Wenn ich laut bin, werde ich bestraft?
Und jetzt hast du ein Kind, das sich nicht unterwirft und dich triggert das maßlos. Das tritt in meinen Coachings täglich auf.
Dein Kind ist nicht das Problem
Dein Kind ist in der Regel nicht das Problem. Eigentlich nie. Es ist der Spiegel und es zeigt dir genau, wo du hinschauen darfst. Und wenn du das bei dir aufgelöst hast, braucht dein Kind es dir nicht mehr zu zeigen.
Das ist der Weg der Individuation. Indem wir mit unbewussten Anteilen in Kontakt kommen, sie anschauen und integrieren. Mit EFT und Matrix Reimprinting integrieren wir diese Anteile, sodass du diesen Spiegel nicht mehr brauchst.
Wirklich erwachsen werden
Sobald das Kind auf der Welt ist, projizieren wir automatisch unsere Geschichte auf dieses Kind. All das, was wir erlebt haben, passiert unbewusst und automatisch.
Unsere Aufgabe ist es, erwachsen zu werden. Wirklich erwachsen zu werden. Unser Kind mit den Augen eines neutralen Erwachsenen zu sehen. Und nicht mit der Brille unseres verletzten Kindes, unserer Konditionierung, unserer Wunden.
Dass wir diese Brille absetzen und unser Kind wirklich so sehen, wie es ist. Das ist ganz schön schwierig. Aber wenn ich diese Kompensationsmechanismen loslasse, nicht mehr projiziere, dann kann sich mein Kind ganz frei entwickeln. Und ich bleibe die Erwachsene.
Möchtest du die Brille abnehmen und dein Kind wirklich sehen?
Im Einzelcoaching arbeiten wir mit EFT und Matrix Reimprinting, um deine verletzten Anteile zu integrieren. Sodass dein Kind nicht mehr dein Spiegel sein muss.













0 Kommentare