Du kennst das vielleicht: Du wünschst dir, dass dein Partner mehr übernimmt, mehr da ist, mehr Verantwortung trägt. Gleichzeitig merkst du, wenn du ganz ehrlich bist, dass du ihn irgendwie auch gar nicht wirklich ranlässt. Das ist kein Widerspruch, sondern eine Dynamik. Und sie beginnt viel früher, als wir denken.
Genau das hat eine Teilnehmerin aus meiner Austauschgruppe so treffend in Worte gefasst: „Ich merke sehr oft, dass ich meinen Mann von seiner Vater- und Partnerrolle schiebe. Ich möchte ihm mehr Raum geben, damit er seine Position in unserer Familie einnehmen kann. Aber wie?“
Diese Frage kam. Und sie wurde von so vielen anderen Frauen sofort bestätigt.
Ich möchte in diesem Artikel also nicht mit konkreten Tipps starten, auch wenn du dir die vielleicht gerade wünschst. Ich möchte zuerst tiefer schauen. Weil echte Veränderung nur dann passiert, wenn wir verstehen, wie diese Dynamik überhaupt entstanden ist.
Wie die Schieflage entsteht: schon von Anfang an
Die biologische Nähe der Mutter
Wir Mütter sind von Natur aus viel näher dran. Die Schwangerschaft, das Stillen, die ersten Monate: In dieser Zeit baut sich eine intensive Verbindung auf, die der Vater so nicht teilen kann. Das ist keine Kritik an den Vätern, das ist einfach Biologie.
Aber was sich dabei unbewusst einschleicht, ist dieses Gefühl: Ich weiß, wie es richtig geht. Ich habe hier die bessere Verbindung zum Kind. Und so beginnt langsam, fast unbemerkt, eine Dynamik. Nur die Mama weiß, wie die Windel richtig sitzt. Nur sie kennt den richtigen Schrei. Und einschlafen kann das Kind ebenfalls nur bei der Mutter.
Der Vater hat in dieser Phase oft gar nicht die Möglichkeit, diese Verbindung aufzubauen. Besonders wenn er früh wieder arbeiten muss, wenn er zwölf Stunden am Tag weg ist. Er hat einfach wenig Zeit zum Kennenlernen. Und das tut weh. Auf beiden Seiten.
Wenn Väter sich ausgegrenzt fühlen
Väter klagen in dieser Phase sehr häufig darüber, dass sie gar nicht die Chance bekommen, Erfahrungen zu sammeln. Dass sie das Gefühl haben: Ich mache es sowieso nicht recht und passe hier nicht rein. Dieser Nukleus von Mutter und Kind ist irgendwie unantastbar.
Und dann zieht er sich zurück. Kümmert sich mehr um die Arbeit, den Garten, das Haus. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil er einen Weg sucht, diesen Schmerz nicht zu fühlen.
Kontrolle als Überlebensprogramm
Es ist selten bewusst
Diese Kontrolle, die wir Mütter an den Tag legen, und ich schließe mich da absolut mit ein, ich bin auch so eine Kontrolletti, die ist selten bewusst. Sie ist ein Überlebensprogramm und dieses Programm stammt in den meisten Fällen schon aus unserer Kindheit.
Viele von uns haben früh gelernt: Ich muss stark sein. Ich kann mich auf niemanden verlassen. Wenn ich es nicht mache, macht es niemand. Und dann schaust du dir vielleicht mal an, wie die Rollenverteilung bei deinen eigenen Eltern war. Was hat Mama gemacht? Was hat Papa gemacht? War dein Vater auch eher abwesend, emotional nicht da? War deine Mutter überlastet?
Diese Bilder prägen uns und sie sitzen tief.
Das Nervensystem braucht Kontrolle, um sich sicher zu fühlen
Sicherheit entsteht bei uns durch Kontrolle, manchmal auch durch Perfektionismus. Wenn ich alles im Griff habe, signalisiert mein Nervensystem: Es ist sicher. Das ist keine Schwäche, das ist eine Strategie. Und zwar eine sehr verständliche Strategie.
Aber das Tückische: Wenn du alles festhältst, bemerkst du vielleicht gar nicht, dass der andere dadurch keinen Platz mehr hat. Dass da kein Raum mehr ist für die väterliche Energie, weil du festhalten musst, um dich sicher zu fühlen.
Besonders Mütter, die in der eigenen Kindheit unsicher gebunden waren, neigen dazu, sich sehr eng an ihre Kinder zu binden. Was einerseits aus tiefer Liebe kommt und gleichzeitig die Autonomie des Kindes und des Vaters einschränkt.
Der transgenerationale Blick: Was uns unsere Großmütter mitgegeben haben
Das geht noch tiefer. Bei mir war es meine Großmutter, die im Krieg ohne Mann fünf Kinder aufziehen musste. Meine Mutter hat nie wirklich ein gelebtes Vaterbild vor sich gehabt.
Nach dem Krieg hatten viele Kinder in der Schule keinen Vater mehr. Er war gefallen, verletzt, oder seelisch einfach nicht mehr da. Unsere Großmütter und Urgroßmütter mussten alleine überleben. Und was haben sie dabei gelernt? Ich schaffe das auch ohne Mann. Für Emotionen ist hier kein Platz. Ich muss alles kontrollieren.
Die Epigenetik sagt uns heute: Diese transgenerationalen Traumata machen etwas mit unseren Genen. Auch wenn es deine Urgroßmutter war, es wirkt bis heute in dir. Wenn wir diese Zusammenhänge verstehen, können wir auch etwas verändern. Über das Verstehen entsteht Handlungsspielraum.
Kinder sehen den Vater durch die Augen der Mutter
Das ist vielleicht der Punkt, der mich am meisten berührt und der am meisten Verantwortung trägt.
Kinder sind so eng mit ihrer Mutter verbunden, emotional, körperlich, energetisch. Mein Kind sagt mir manchmal, bevor ich es selbst bewusst spüre: „Mama, bist du traurig gerade?“ Diese Verbindung ist tief und real.
Und genau deshalb sehen Kinder den Vater in den meisten Fällen durch die Augen der Mutter. Sie lesen jeden Gesichtsausdruck, jede Spannung, jeden unausgesprochenen Satz. Wenn die Mutter den Vater innerlich ablehnt, kritisiert oder abwertet, auch wenn es nur ein Gedanke ist und nie ausgesprochen wird, die Kinder spüren das.
Das gilt übrigens genauso in Trennungssituationen. Wenn da noch viel Ablehnung, Kritik oder unausgesprochene Konflikte stehen, macht das etwas mit den Kindern. Sie fühlen sich nicht sicher. Sie versuchen auszugleichen und tragen damit etwas, das nicht ihres ist.
Was das mit unseren Rollenbildern zu tun hat
Ich höre so oft von Frauen: „Ich möchte, dass der Mann ein Kavalier ist, aber ich will auch meine Autonomie und Unabhängigkeit.“ Beides gleichzeitig. Und das ist kein Widerspruch, das ist unsere Zeit.
Wir wollen nicht die totale Selbstüberforderung und schon gar nicht den Rückfall ins Patriarchat. Aber wir wollen auch nicht allein mit allem dastehen. Wir möchten jemanden, der uns den Rücken stärkt und gleichzeitig unsere Eigenständigkeit respektiert.
Ich glaube, dass viele von uns gerade auch das Weibliche neu entdecken müssen. Das Empfangende und das Sanfte. Nicht als Gegensatz zur Stärke, sondern als Ergänzung. Indem ich dem anderen Raum gebe, gebe ich ihm die Möglichkeit, mir etwas zu geben.
Was sich wirklich verändern kann
Letztlich geht es darum, dass jeder weiß, wo sein oder ihr Platz ist. Ich als Frau schaue: Was ist mein Platz in dieser Familie? Wie nehme ich mir diesen Raum als Mutter, als Frau, als Partnerin? Und ich versuche, meinen Platz nicht auszuweiten auf seinen Platz.
Das bedeutet auch: ihm seinen Raum zuzutrauen. Nicht perfektes Übernehmen zu erwarten, sondern Entwicklung zu erlauben. Väter müssen auch erst lernen. So wie wir gelernt haben.
Wenn du in einer Partnerschaft lebst, könnte ein erstes Gespräch so klingen: „Wie nimmst du deinen Raum als Mann wahr? Und wie nehme ich meinen Raum als Frau wahr? Wo merke ich, dass ich bei dir im Raum bin und wo könnte ich loslassen?“
Das ist kein einfaches Gespräch. Aber es ist ein wichtiges.
Ein letzter Gedanke
Diese Dynamik, das Kontrollieren, das Nicht-loslassen-können, das Ausschließen ohne böse Absicht, ist kein Charakterproblem, sondern vielmehr ein Überlebensprogramm. Eines, das einmal Sinn gemacht hat. Vielleicht für dich, oder sogar schon für deine Mutter oder Großmutter.
Verstehen ist der erste Schritt. Aber Verstehen allein verändert noch nichts im Körper, im Alltag, in den Momenten, in denen es kracht.
Und wenn du Gedanken dazu loswerden möchtest oder dich mit anderen Frauen austauschen willst, komm gerne in meine kostenlose Austauschgruppe. Den Link dazu findest du hier untendrunter. Ich freue mich auf dich.













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