Was passiert, wenn ich aufhöre zu funktionieren?
Werde ich dann noch geliebt?
Das ist keine abstrakte philosophische Frage. Das ist die Frage, die viele von uns nachts wachhält, auch wenn wir sie vielleicht nie so klar formulieren würden. Sie steckt in dem Zögern, bevor wir Nein sagen. In der Angst, loszulassen, was uns so lange getragen hat. In diesem Gefühl, das sich meldet, wenn wir an Veränderung denken: Und wenn danach nichts mehr von mir übrig ist?
Eine Frau, nennen wir sie Hildegard, hat mir diese Frage in einem ersten Gespräch gestellt. Wir hatten noch gar nicht miteinander gearbeitet, und trotzdem hat sie mich so getroffen, dass ich ihr eine ganze Folge gewidmet habe.
Das Muster, das Hildegard retten musste
Hildegard ist eine sehr gute Angestellte. Effizient, schnell, verlässlich. Sie bekommt viel Wertschätzung für das, was sie leistet. Und gleichzeitig merkt sie: Ihre Tochter ist ständig übererregt, hibbelig, kommt nicht zur Ruhe. Und Hildegard ahnt, dass es mit ihr zusammenhängt.
Sie sagt: „Ich weiß, dass das Muster von mir ausgeht. Aber ich möchte es gar nicht ablegen. Denn was passiert dann? Dann werde ich nicht mehr so geliebt. Dann bin ich nicht mehr die gute Kollegin, die alle von mir erwarten.“
Diese Angst ist vollkommen verständlich. Weil das Muster, das Hildegard sich angeeignet hat, zu funktionieren, zu performen, schnell zu sein, die eigenen Bedürfnisse hinten anzustellen, ihr in der Kindheit etwas sehr Wichtiges gebracht hat: Wertschätzung. Gesehen-Werden. Verbindung.
Das ist kein Charakterzug. Das ist eine Anpassung. Eine Anpassung, die das Nervensystem irgendwann beschlossen hat, weil sie funktioniert hat. Weil sie sicher war.
Nicht das Selbst verschwindet. Die Maske fällt.
Es gibt diese Angst: Wenn ich meine Muster loslasse, was bleibt dann noch übrig?
Und ich glaube, diese Angst entsteht, weil wir so lange mit unseren Mustern identifiziert sind, dass wir nicht mehr wissen, wer darunter steckt. Die Maske fühlt sich wie das Gesicht an.
Aber Muster loszulassen bedeutet nicht, sich selbst zu verlieren. Es bedeutet das Gegenteil: Es ist der Beginn, sich selbst zu finden. Zum ersten Mal wirklich spürbar zu werden. Diese Person, die hinter den Schutzmechanismen stand und all die Jahre darauf gewartet hat, gesehen zu werden.
Das klingt vielleicht groß. Aber es ist im Grunde ganz konkret: Was magst du wirklich? Was brauchst du wirklich? Was würdest du tun, wenn niemand bewertet? Wer bist du, wenn du nicht funktionieren musst?
Das sind keine einfachen Fragen. Aber es sind die richtigen.
Wer wurde vorher eigentlich geliebt?
Das ist die Frage, die ich Hildegard zurückgegeben habe.
Wenn du funktionierst und dafür geliebt wirst, wer wird dann geliebt? Du? Oder deine Funktion?
Das klingt hart. Aber es ist eine wichtige Unterscheidung. Deine Effizienz wird geschätzt. Deine Schnelligkeit wird gelobt. Deine Anpassungsfähigkeit wird gebraucht. Aber bist das du? Oder ist das die Schutzstrategie, die du entwickelt hast, um sicher zu sein?
Unsere Gesellschaft braucht Menschen, die funktionieren. Die sich kümmern, die zurückstecken, die weitermachen. Das System ist auf People Pleaser angewiesen. Und genau deshalb wird diese Rolle so oft bestätigt und gelobt.
Aber eine echte Beziehung, zu anderen und zu sich selbst, muss auch Langsamkeit aushalten. Auch Bedürfnisse. Auch Grenzen. Auch das Nein.
Die wirkliche Frage ist also nicht: Werde ich noch geliebt, wenn ich aufhöre zu funktionieren? Die wirkliche Frage ist: Wer wird dann sichtbar? Und war das nicht die ganze Zeit der Mensch, der wirklich gesehen werden wollte?
Warum wir trotz Erkenntnis nicht in die Umsetzung kommen
Das höre ich so oft. „Ich habe es verstanden. Ich weiß, woher das kommt. Aber ich kann es trotzdem nicht ändern.“
Und das ist kein Versagen. Das ist Nervensystem.
Veränderung bedeutet Unsicherheit. Und Unsicherheit bedeutet für das Nervensystem: Gefahr. Selbst wenn diese Veränderung gut für uns wäre, selbst wenn wir sie wollen, der Körper kennt nur das Alte. Das Alte ist vertraut. Das Vertraute ist sicher.
Hochfunktionalität ist oft eine Stresskompetenz. Das ständige Funktionieren, das Performieren, das In-Bewegung-Bleiben, das fühlt sich sicher an. Wenn wir verlangsamen, wenn wir Pause machen, wenn wir loslassen, dann entsteht eine Leere. Und diese Leere fühlt sich für viele Menschen bedrohlich an. So als würde etwas wegbrechen.
Das ist der Moment, in dem das Nervensystem sagt: Nein, bitte nicht. Das kenne ich nicht. Das ist nicht sicher.
Und genau deswegen scheitert Veränderung nicht am Willen. Sie scheitert daran, dass der Körper noch nicht weiß, dass es sicher ist.
Was du tun kannst, ganz kleinschrittig
Es geht nicht darum, von heute auf morgen eine andere Person zu werden. Es geht darum, dem Nervensystem beizubringen, dass Langsamkeit sicher ist. Dass Pause sicher ist. Dass du ohne Funktion trotzdem existieren darfst.
Das geht in kleinen Schritten. Manchmal wirklich winzigen.
Hildegard habe ich vorgeschlagen: Geh auf der Arbeit ab und an kurz auf die Toilette. Nicht um auf das Handy zu schauen. Sondern um zwei Minuten lang einfach zu atmen. Dich zu schütteln. Die Schmetterlingsumarmung zu machen, also die Arme über der Brust kreuzen und abwechselnd auf die Oberarme klopfen. Den Körper kurz aus dem Funktionsmodus zu holen.
Das klingt klein. Das ist klein. Und trotzdem beginnt genau dort das Umprogrammieren. Weil der Körper lernt: Auch wenn ich nicht funktioniere, passiert nichts Schlimmes. Ich bin immer noch hier und ich bin immer noch sicher.
Und mit der Zeit weitet sich das. Das Toleranzfenster wird größer. Die Pausen werden länger. Das Loslassen wird leichter.
Was für deine Kinder auf dem Spiel steht
Das hier ist mir noch wichtig zu sagen, weil ich weiß, dass viele von euch das als Motivation brauchen, die stärker ist als die eigene.
Deine Muster übertragen sich. Nicht als Absicht, nicht als Schuld, sondern ganz einfach durch deine Präsenz, durch das, was dein Nervensystem ausstrahlt, durch das, was dein Kind täglich erlebt und lernt, was normal ist.
Wenn du immer funktionierst, lernt dein Kind: Man muss funktionieren, um geliebt zu werden.
Wenn du beginnst, du selbst zu sein, lernst du selbst, lernst dein Kind mit: Man darf so sein, wie man ist.
Das ist vielleicht der tiefste Grund, warum diese Arbeit so wichtig ist. Nicht nur für dich. Für die nächste Generation.
Wenn du merkst, dass diese Fragen etwas in dir berühren, und du nicht weißt, wo du anfangen sollst, dann melde dich gerne für ein kostenloses Klarheitsgespräch. Wir schauen gemeinsam, was gerade in dir vorgeht und was der nächste kleine Schritt für dich sein könnte.














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